Versuchslabor Home Office

Bild: Pexels/Pixabay

„Es ist eine Art von Experiment“, sagt Ranjit Atwal, Senior Research Director beim Beratungs- und Marktforschungunternehmen Gartner. Er meint damit die aktuelle Situation, in der Firmen ihre Mitarbeiter ins Home Office schicken, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verhindern.

Es sind ganz viele Lektionen, die Unternehmen gerade lernen. Wie viele der Mitarbeiter können tatsächlich von zu Hause arbeiten? Sind sie dafür ausgerüstet? Reichen die IT-Sicherheitsmaßnahmen dafür aus? Welche Anwendungen sollten über die Cloud verfügbar sein? Das sind nur einige der Frage, die derzeit beantwortet werden müssen.

Lektionen im Eiltempo

Diese Unterrichtstunde verläuft im Eiltempo. Dass große Teil der Belegschaft im Home Office arbeiten müssen, traf die Unternehmen unerwartet. Bis vor kurzem hätten die Verantwortlichen nicht gedacht, dass sie dies in diesem Umfang gewährleisten müssten, so Atwal. „Es ist interessant, wie flexibel die IT-Abteilungen jetzt werden mussten, um den Mitarbeitern das Arbeiten von zu Hause zu ermöglichen.“

Doch seiner Meinung nach sind die Heimwerker nicht wirklich passend ausgerüstet. Die meisten von ihnen arbeiten derzeit mit einem Laptop – wenn sie nicht sogar den privaten PC für ihr Home-Office-Tätigkeit verwenden müssen. „Ein Laptop ist ein mobiler PC“, so Atwal. „Er ist für Menschen gemacht, die unterwegs sind.“ Mitarbeiter, die im Home Office sitzen, befinden sich aber nicht auf Reisen. Wer längere Zeit von zu Hause arbeitet, beginne daher damit, seinen Laptop in einen Arbeitsplatzrechner umzurüsten, so Atwal. Er verknüpft ihn mit einem größeren Monitor, einem Drucker, einer zusätzlichen Tastatur und so weiter.

Alexa als Vorbild

Unternehmen sollten darüber nachdenken, welche Technik ihre Mitarbeiter produktiv macht, so Atwal, und die entsprechende Umgebung – also die passenden Peripherie-Geräte – bereit stellen. Er denkt dabei vor allem an Kameras und Mikrophone. Denn das seien die Werkzeuge, über die Mitarbeiter zur Zeit mit ihren Kollegen oder Kunden in Kontakt treten. Sie werden für die gerade stark genutzten Videokonferenzen benötigt.

Diese Werkzeuge müssten von einem Privatnutzer-Level auf eine professionelle Ebene gehievt werden. Heißt konkret: „Die Kamera sollte in der Lage sein, dem Anwender zu folgen, während der sich durch den Raum bewegt“, sagt Atwal. Anders als am Arbeitsplatz laufe man im Home Office während eines virtuellen Meetings auf und ab. Das gleiche gelte für die Mikrofone. „Alexa von Amazon enthält acht Mikrofone, die den gesamten Sound in einem Raum erfassen“, so Atwal. Das sei auch für einen Nutzer im Home Office sinnvoll. Dann könnte dieser sich frei bewegen, während er etwa an einer Telefonkonferenz teilnimmt.

Die technische Unterstützung im Home Office sei nicht ausgereift, sagt Atwal. „Doch wir können nicht auf diese Weise weitermachen, wenn das Arbeiten von zu Hause ein strategischer Faktor wird.“

Es wird spannend sein zu sehen, inwieweit die Unternehmen bereit sind, ihr Personal nicht nur mit einem Laptop, sondern mit einer Vielzahl zusätzlicher Geräte auszustatten. Von Mikrofonen à la Alexa oder Kameras, die dem Nutzer folgen, ganz zu schweigen. Die meisten Verantwortlichen in den Firmen werden hoffen, dass die aktuell herausfordernde Situation bald überstanden ist und ihre Mitarbeiter dann wieder schnell zurück in die Büros kommen – wo ja die notwendige Technik vorhanden ist.

Vertrauen Firmen ihren Mitarbeitern?

Es geht allerdings nicht nur um Technik. Atwal hofft, dass die Unternehmen aus der Corona-Krise noch mehr lernen. „Es gibt auch kulturelle Faktoren“, so der Analyst. Vertraut das Management seinen Mitarbeitern, wenn diese verstärkt zu Hause arbeiten? Wie lässt sich die Arbeit in einer verteilten Umgebung managen?

Und dann gibt es noch eine übergeordnetes Thema. „Derzeit ist überall zu erkennen, dass die Corona-Krise positive Auswirkungen auf die Umwelt hat“, so Atwal. Auch das sei eine Lektion für die Unternehmen. Warum sollte man nicht darüber nachdenken, den Verkehr künftig deutlich zu reduzieren, indem die Belegschaft nur jede zweite Woche ins Büro kommt und die andere Zeit im Home Office arbeitet? Bei großen Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern würde dies einen großen Unterschied machen.

So könnte das aktuelle Experiment nicht nur wichtige Ergebnisse für die Geschäftswelt bereit halten – sondern für den gesamten Planeten.

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