Visionen für Fabrik und Haushalt

Bild: Neura Robotics

Kinderzimmer-Aufräumer, Schweißexperte, Biobauer: Die Zukunft des Roboters ist vielfältig und spannend – und zum Teil auch nicht mehr fern. Sechs ausgewählte Botschaften von der Messe Automatica.

Messen wie die Automatica sind ja immer Gelegenheit für eine Branche, sich selbst zu feiern. Und die dort anwesenden Experten geben Statements ab, die gerne euphorisch klingen. Dass sie die Technik, die sie da in den Himmel loben, selbst verkaufen, mag ein Grund für die Euphorie sein.

Trotzdem ist es ganz spannend, sich ein paar Aussagen und die damit einhergehenden Botschaften mal anzuschauen. Denn zum einen erlebt die Robotik ja tatsächlich gerade einen Boom. Ein bisschen Feiern ist also erlaubt. Und zum anderen müssen ja Experten mit ihrer Einschätzung nicht falsch liegen, nur weil damit auch kommerzielle Interessen verbunden sind.

Nachfolgend also ein paar ausgewählte Botschaften von der Automatica:

Botschaft 1: In der Zukunft wird es nicht heißen: Mensch oder Roboter. Sondern: Mensch und Roboter. So sieht das zumindest Esben Østergaard, Gründer des Cobot-Herstellers Universal Robots und mittlerweile als CEO von Reinvest Robotics tätig – einem Unternehmen, das Robotik-Startups unterstützt. Er glaubt, dass künftig Mensch und Maschine verstärkt zusammen arbeiten werden. Der Roboter werde den Menschen nicht ersetzen, sondern mit ihm kooperieren. So ließen sich die Stärken des Menschen mit den Vorteilen des Roboters kombinieren. Die Fabrik der Zukunft ist seiner Meinung nach keine Lights-Out-Factory – also eine dunkle Fabrik, weil Maschinen kein Licht brauchen. Sie ist eine „Lights-On-Factory, wo sich Mensch und Maschine einen Arbeitsplatz teilen“, so Ostergaard. Für ihn ist das die nächste industrielle Evolutionsstufe. Will heißen: Industrie 5.0.

Esben Østergaard, CEO von Reinvest Robotics. Bild: Reinvest Robotics

Botschaft 2: An den Stellen, an denen Menschen fehlen – Stichwort Fachkräftemangel – werden Roboter einspringen können. Bisher würden die mechanischen Helfer vor allem für einfache, stupide Jobs eingesetzt, meint David Reger, CEO von Neura Robotics. Künftig würden sie dank künstlicher Intelligenz aber selbst zu Experten werden. Als Beispiel nennt er das Schweißen. „Wir können unserem Roboter einfach ein Bauteil hinlegen und sagen: ‚Diese Ecke muss geschweißt werden“, erklärt Reger. „Er schaut sich das kurz an und weiß dann, was er zu tun hat – also zum Beispiel, in welchem Winkel und in welcher Geschwindigkeit er schweißen muss.“

David Reger, CEO von Neura Robotics. Bild: Neura Robotics

Botschaft 3: Dank künstlicher Intelligenz werden uns Roboter künftig auch im privaten Alltag helfen können. Darüber wird zwar schon gesprochen, seitdem es Roboter gibt. Aber diese Zukunft ist nun wohl zum Greifen nahe – im wahrsten Sinne des Wortes. Bald könnten Roboter nämlich nach Teller oder Tassen greifen und Geschirrspülmaschinen ausräumen. Damit rechnet Werner Kraus, Leiter der Abteilung Roboter- und Assistenzsysteme am Fraunhofer IPA. Auf dem Automatica-Stand des DLR war einer solcher Roboter zwar jetzt schon zu sehen – aber eher zu Demo-Zwecken und noch nicht wirklich praxistauglich. In den kommenden zwei Jahren könnte die Vision aber Realität werden, glaubt Kraus. Für den Roboter ist diese Aufgabe übrigens eine größere Herausforderung als der so genannte Griff in die Kiste in einer Fabrik. Schließlich muss er das gute Porzellan ja auch möglichst unbeschädigt und entsprechend vorsichtig wieder ablegen.

Der Roboter hilft aber nicht nur in der Küche, sondern auch im Kinderzimmer. Wenn Tochter oder Sohn mal wieder keine Lust hatten aufzuräumen, kommt die Technik an die Reihe. So sieht das zumindest Reger in der nahen Zukunft. „Der Roboter wird das Spielzeug, das wahllos im Raum liegt, nicht nur aufheben, sondern dieses sortieren und wieder ins Regal stellen – jedes an seinen Platz“, verspricht er. Auch das soll in zwei Jahren so weit sein.

Botschaft 4: Der Roboter wird auch in der Landwirtschaft zum wichtigen Helfer. Und nicht nur das. Seine Unterstützung könnte beim Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielen. So berichtete Kraus von einem kognitiven Roboter, der Unkraut jätet und den das Fraunhofer IPA an seinem Stand zeigte. Um den Einsatz von chemischen Mitteln wie etwa Glyphosat zu verhindern, müsste eine solche Tätigkeit mechanisch ausgeführt werden, so Kraus. Und wenn man sich nun anschaue, dass Bio-Bauernhöfe nur zu 20 Prozent von Verkäufen und zu 80 Prozent von Subventionen leben, dann käme man zu dem Schluss: „Wir brauchen die Robotik, damit sich eine biologische Landwirtschaft komplett trägt.“

Werner Kraus, Leiter der Abteilung Roboter- und Assistenzsysteme am Fraunhofer IPA. Bild: Fraunhofer IPA

Botschaft 5: Künstliche Intelligenz führt generell dazu, dass sich viel mehr Aufgaben automatisieren und Roboter viel flexibler einsetzen lassen. „Wir werden dahin kommen, dass ein Roboter alle paar Wochen in einer anderen Anwendunge arbeitet“, sagt Professor Dominik Bösl, Geschäftsführer von Micropsi Industries. Und die Technik werde zunehmend auch zugänglich für den kleineren Mittelstand. „Das mag vielleicht ein Bullshit-Bingo-Satz sein“, so Bösl. „Aber es ist so. KI ermöglicht die Demokratisierung der Robotik.“

Professor Dominik Bösl, Geschäftsführer von Micropsi Industries. Bild: Frommel fotodesign

Botschaft 6: Bösl warnt aber gleichzeitig davor, übertriebene Erwartungen an die Robotik zu haben. Und er gibt sich selbstkritisch: „Viele sind etwas verblendet von den tollen Demos aus den Förderprojekten, die wir auch in der akademischen Welt häufig publizieren.“ In der Praxis sei eine Anwendung dann aber manchmal doch etwas komplizierter oder lasse sich langsamer umsetzen. Eine überzogene Erwartungshaltung könne aber schädlich sein. „Sobald der Roboter das Meißen-Porzellan auf den Boden wirft, wenn er die Spülmaschine ausräumt, wird er nie wieder eingesetzt. Und das Gleiche gilt für die Produktion.“ Er fordert daher die Branche zu mehr Realismus auf. Dadurch steige dann auch das Vertrauen in die Technik.

Über die KI in der Robotik diskutierten Werner Kraus, Dominik Bösl und David Reger während der Messe auf einem Panel – organisiert von der Fachzeitschrift Automationspraxis und der Messe München.

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