„In manchen Behörden stehen noch Faxgeräte“

Bild: Software AG

Als CTO der Software AG kennt sich Bernd Groß aus mit der Digitalisierung. Im Interview erklärt er, warum viele Unternehmen dabei nicht vorankommen und wieso die öffentliche Verwaltung dringend eine Startup-Mentalität braucht.

Herr Groß, die Digitalisierung kommt in Deutschland noch nicht so recht in Fahrt. Man sieht das in der öffentlichen Verwaltung. Aber auch viele Unternehmen tun sich schwer, wie kürzlich zum Beispiel eine Studie von IDC festgestellt hat. Woran liegt das?

Eines der größten Hindernisse ist, dass viele Firmen vom Mindset her in der alten Welt verhaftet sind. Sie setzen darauf, dass sie in ihrem jetzigen Setup diese neuen digitalen Transformationen realisieren können. Doch um erfolgreich zu sein, muss man die neuen digitalen Aktivitäten aus dem Kern-Geschäft herausnehmen und separat hochziehen.

Warum?

Ich geben Ihnen ein Beispiel: Der Vertrieb bei einem Maschinenbauer beruht auf einem festen Incentive-Modell, das vielleicht schon seit 20 oder 30 Jahren auf die gleiche Weise existiert. Da kann man nicht plötzlich sagen: „Jetzt stelle ich auf einen Subscription-Vertrag für 10.000 Euro im Monat um.“ Der Kunde will dann natürlich wissen, wie er selbst seine Maschinen verkaufen soll und ob er so einen Service überhaupt liefern kann. Da entstehen riesige Konflikte. Und diese Umsetzungsprobleme gibt es auch in anderen Abteilungen. Auch die derzeitigen Managementsysteme, mit denen die Unternehmen zum großen Teil arbeiten, passen häufig nicht in die neue Welt. Deswegen ist es mittlerweile gängige Praxis, diese neuen Modelle herauszuziehen – entweder in einen neuen Geschäftsbereich oder ein eigenes Unternehmen. Und dort können die Prozesse und die Systeme so aufgesetzt werden, wie es für das neue Geschäft optimal ist. Das Gleiche gilt für die öffentliche Verwaltung.

Inwiefern?

Ich habe vor kurzem an einer Podiumsdiskussion während des Wirtschaftstages teilgenommen. Dort hat die Europaparlamentarierin Nicola Beer gefordert, dass die Behörden klare Ziele brauchen und mit mehr Geld für die IT ausgestattet werden sollen. Aber es wird keinen Wandel geben, wenn die existierenden Strukturen einfach nur digitalisiert werden. Man braucht auch in der Verwaltung den Mut, komplett neu – also auf dem Green Field – anzufangen.

„Wir haben keine Stempel mehr“

Weil auch die Behörden sich nicht umstellen können?

Die existierenden Behörden sind ja für die jetzige Welt optimiert – mit all ihren Prozessen und Mitarbeitern. Das sollte man auch so bestehen lassen. Daneben sollte man jedoch eine Behörde komplett neu aufsetzen, die auf die künftigen Anforderungen ausgelegt ist. Man stellt also zum Beispiel neben das aktuelle Finanzamt quasi ein digitales Finanzamt. Das hat eine wesentlich höhere Erfolgschance als wenn man versucht, die existierenden Strukturen mit dem alten Management und dem bestehenden Personal komplett neu zu definieren.

Also die Startup-Mentalität in die öffentliche Verwaltung tragen.

Ja, genau. In manchen Behörden stehen ja sogar noch Faxgeräte, und für jeden Vorgang braucht man einen Stempel. Es gibt immer wieder Probleme, weil einige Behörden für bestimmte Dokumente eine händische Unterschrift und einen Firmenstempel verlangen. Wir haben aber keine Stempel mehr. Ich weigere mich auch, so etwas im 21. Jahrhundert einzuführen.

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