Lost in digitization

Bild: StartupStockPhotos/Pixabay

Insgesamt kommt die Digitalisierung in Deutschland voran. Doch innerhalb der Bevölkerung herrscht diesbezüglich Ungleichheit, wie zwei Studien verdeutlichen. Die Initiative D21 fordert eine Digitale-Kompetenz-Agenda.

Der Digitalisierungsgrad der Bevölkerung hat im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Das berichtet die Initiative D21 in ihrem Digital Index 2020, den sie vor kurzem veröffentlicht hat. Der entsprechende Wert liegt bei 60 von 100 Punkten und damit zwei Punkte höher als im Vorjahr. Der Digital Index errechnet sich anhand von Fragen zu den Bereichen Zugang zur Digitalisierung, Nutzungsverhalten, digitale Kompetenz und Offenheit gegenüber Digitalthemen. Befragt wurden 2000 Studienteilnehmer aus der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren.

Demnach ist die Nutzung verschiedener digitaler Anwendungen deutlich gestiegen. So hat sich etwa der Anteil der Menschen, die im Home Office arbeiten, auf 32 Prozent verdoppelt. Auch die Nutzung von Streaming-Diensten, digitalen Lernangeboten und Sprachassistenten ist laut D21 angewachsen.

„Mit einem Index-Wert von 60 Punkten weist die deutsche Gesellschaft insgesamt ein mittleres Digitalisierungsniveau auf“, heißt es in der Studie. Immerhin, wenigstens Mittelmaß. Nach den Katastrophenmeldungen der vergangenen Monate in Sachen Digitalisierung klingt ein Platz im Mittelfeld ja gar nicht so schlecht. Das hört sich eher nach Europa-League-Plätzen als nach Abstiegskampf an.

Alter, Bildung und Einkommen machen Unterschied

Doch der Digital Index von D21 hat leider auch ein großes Aber zu bieten. Der Anteil der Bürger, die beim digitalen Wandel mithalten können, steigt zwar. Betrachtet man jedoch verschiedene soziodemografische Merkmale, zeigen sich große Unterschiede. Das fängt beim Alter an: Der Digitalisierungswert der 14- bis 29-Jährigen liegt bei 73 Index-Punkten, bei den über 70-Jährigen beträgt er dagegen nur 36.

Und die Unterschiede betreffen auch andere Merkmale: Nichtberufstätige verfügen mit 48 Index-Punkten über einen deutlich niedrigeren Wert als Berufstätige mit einem Index von 69. Formal niedrig Gebildete (42) und Menschen mit Nettoeinkommen unter 2.000 Euro (46) liegen ebenfalls unter dem Bundesdurchschnitt von 60.

Auch bei der Frage, ob man glaubt, von der Digitalisierung persönlich zu profitieren, zeigt sich eine Spaltung. So sehen sich zum Beispiel drei Viertel der höher Gebildeten als Gewinner. Bei den Menschen mit mittlerer Bildung ist dies nur noch bei gut der Hälfte (53 Prozent) der Fall. Und von den formal Gebildeten glauben lediglich 32 Prozent, von der Digitalisierung zu profitieren.

Ungleiche Chancen durch digitale Technologien

Eine andere Studie bestätigt die digitale Spaltung. Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut hat im Auftrag von Netzwerkspezialist Cisco 2500 Bürger danach befragt, wie es um die digitale Chancengleichheit in Deutschland steht. Eines der Ergebnisse: 66 Prozent sagen, dass neue digitale Möglichkeiten in den vergangenen Monaten zu ungleichen Chancen in der Gesellschaft geführt haben. Nur 13 Prozent sind der Meinung, dass die Gleichheit gefördert wurde. Ein weiteres Ergebnis: Sechs von zehn Befragten fühlen sich beim Zugang zu digitalen Angeboten nicht auf dem neuesten Stand.

Quelle: Cisco

Dabei sehen die Befragten durchaus das Potenzial von digitalen Technologien. Am größten sei dies im Bereich Bildung. „Bildung ist aktuell der Lackmustest für den Erfolg unserer Digitalisierungs-Anstrengungen“, sagt Cisco-Deutschland-Chef Uwe Peter. „Hier zeigt sich exemplarisch, dass Digitalisierung nur erfolgreich ist, wenn viele Bereiche und Akteure konstruktiv zusammenwirken.“

Bei diesem Test schneidet Deutschland aber leider nicht gut ab. Das zeigen nicht nur viele Studien, sondern auch die täglichen Erfahrungen von Lehrern, Schülern und Eltern. Und diese schlagen sich im Digital Index in Zahlen nieder. Beim digitalen Unterricht berichten 68 Prozent der Beteiligten (Lehrkräfte, Schüler, Eltern) von Hürden. Am häufigsten nennen die Befragten uneinheitliches Vorgehen (42 Prozent). Mangelnde Hardware oder Internetausstattung sind weitere Probleme.

Dabei ist die Offenheit für mehr Digitalisierung des Schulunterrichts und für verbindliche Fortbildungen für Lehrkräfte in der gesamten Bevölkerung sehr hoch (74 beziehungsweise 78 Prozent). 60 Prozent der Befragten glauben aber, dass die Corona-Situation Ungerechtigkeiten in der Bildung verschärft. Nur 32 Prozent haben Zutrauen in die Schulen beim Vermitteln der benötigten Digitalfähigkeiten, ein Rückgang um 4 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr.

Weltwirtschaftsforum warnt vor Spaltung

Versäumnisse in Sachen Digitalisierung sind ein Problem für die ganze Gesellschaft. Das Weltwirtschaftsforum hat „Digitale Ungleichheit“ erstmals in seinen Weltrisikobericht mitaufgenommen. „Wenn es um den Zugang zu Technologien und um digitale Fähigkeiten geht, besteht die Gefahr, dass sich die Kluft zwischen den ‚Begünstigten‘ und den ‚Benachteiligten‘ vergrößert“, heißt es im Bericht. Hinzu käme eine perspektivlose Jugend, die jetzt schon mit der zweiten globalen Krise innerhalb einer Generation konfrontiert sei. „Die digitale Spaltung und eine zukünftige verlorene Generation werden wahrscheinlich den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Landesgrenzen auf die Probe stellen“, warnt das Weltwirtschaftsforum.

Entsprechend haben die Experten der D21-Initiative erkannt, dass etwas getan werden muss. „Einige Gruppen profitieren stark von der Digitalisierung, andere noch nicht. Dieser digitalen Spaltung müssen wir entgegenwirken“, sagt Hannes Schwaderer, Präsident von D21. „Als Technologie-Nation werden wir zukünftig noch stärker auf Digitalisierung setzen und sie wird weiter an Geschwindigkeit gewinnen – sei es in der Arbeitswelt, im Gesundheitswesen oder im Alltag. Dafür braucht Deutschland dringend eine Digitale-Kompetenz-Agenda, sowohl für den beruflichen als auch den privaten Bereich.“

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