Das Jahr der Lessons Learned

Bild: Free-Photos/Pixabay

Mehr Offenheit für die Digitalisierung, Künstliche Intelligenz wird geschäftsrelevant und das Home Office entwickelt sich zum Standard – Experten geben einen Ausblick auf 2021.

Am Ende des Jahres gibt es ja die gute Tradition, auf die vergangenen zwölf Monate zurückzublicken. Darauf dürften die meisten dieses Mal wohl gerne verzichten wollen. Werfen wir also lieber den Blick nach vorne. Allerdings: Was die digitalen Themen betrifft, kommen die Prognosen für 2021 nicht ohne die Rückschau aus. Denn die Corona-Krise hat viele Dinge in Bewegung gebracht

Das betrifft zuallererst die Digitalisierung. Der hat die Pandemie einen Schub gegeben. Man könnte es auch etwas drastischer ausdrücken: Die Krise hat vielen Unternehmen einen Tritt in den Allerwertesten verpasst und sie dazu gebracht, notwendige Veränderungen nicht mehr zu ignorieren. Mittlerweile sehen 85 Prozent der deutschen Firmen die Digitalisierung positiv. So lautet das Ergebnis einer Studie von Bitkom Research und IT-Dienstleister TCS, für die 955 Unternehmen in Deutschland befragt wurden. Das sei ein Anstieg um sieben Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. Zum ersten Mal überhaupt lehnt kein einziges Unternehmen die Digitalisierung pauschal ab. Drei Viertel haben im vergangenen Jahr mehr Geld in entsprechende Technologien gesteckt.

Die Experten von TSC erwarten, dass sich dieser Aufwärtstrend in Sachen Digitalisierung im kommenden Jahr sowie den darauffolgenden fortsetzen wird. Schließlich sehen 78 Prozent der Firmen die digitale Transformation als einen kontinuierlichen Prozess. Und damit sollte man nicht mehr warten. „Unternehmen müssen heute digitale Technologien und digitale Geschäftsmodelle einführen – nicht erst irgendwann in der Zukunft“, sagt Kay Müller-Jones, Leiter Consulting und Services Integration bei TCS.

Laut Frank Engelhardt geht es vor allem darum, den Wert von Daten zu erkennen und diese zu nutzen: „Wenn wir auf das Jahr 2021 und darüber hinaus blicken, werden Datenkompetenzen für jede Rolle auf jeder Ebene einer Organisation von grundlegender Bedeutung sein, auch für Führungskräfte“, sagt Engelhardt, Vice President Enterprise Strategy für Europa bei Cloud- und CRM-Spezialist Salesforce. Die diesjährigen Ereignisse hätten Unternehmen, aber auch politischen Entscheidungsträgern gezeigt, wie wichtig zeitnahe und präzise Entscheidungen sind, die auf Daten basieren.

KI: viel Forschung, aber noch wenig Anwendung

Ein Hilfsmittel, um aus den Daten Erkenntnisse zu gewinnen, sind Technologien, die sich unter dem Begriff Künstliche Intelligenz (KI) zusammenfassen lassen. Das sei ein Schlüsselthema der kommenden Jahre und Jahrzehnte, heißt es in der TCS-Studie. Doch noch gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem, was möglich ist, und dem, was tatsächlich getan wird. Machine Learning habe zwar auf der Forschungsebene in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht, sagt Detlef Krause, Deutschland-Chef des Software-Anbieters ServiceNow. Aber wenn es um die Anwendung und Nutzung von künstlicher Intelligenz in den Unternehmen geht, besteht seiner Meinung nach noch Optimierungsbedarf.

Matthias Biniok, KI-Experte und Lead Architect für IBM Watson, sieht das genauso. „Nur 20 Prozent der trainierten KI-Modelle sind tatsächlich in Geschäftsprozesse integriert. Das heißt: 80 Prozent landen quasi in der Schublade.“ Immerhin: Er erwartet, dass sich das 2021 ändern wird. „Wir werden viel mehr weiterführende Anwendungsfälle sehen, in denen KI tatsächlich in die Prozesse integriert ist.“

Dem stimmt Krause zu. „Durch die Implementierung von KI-Fähigkeiten dort, wo die Arbeit tatsächlich stattfindet – in den Workflows – werden Unternehmen in der Lage sein, mit Effizienz, Erfahrung und Agilität entscheidende Schritte nach vorn zu machen.“

Die TCS-Studie bestätigt den Optimismus. Jedes dritte Unternehmen diskutiert darüber, KI einzusetzen, oder plant bereits erste Schritte. 46 Prozent beschäftigen sich mit dem Thema. Mehr als die Hälfte der Unternehmen (53 Prozent) stimmt der Aussage zu, dass KI-Kenntnisse in zehn Jahren den gleichen Stellenwert haben werden wie heute Office-Kenntnisse. „Unternehmen, die KI einsetzen wollen, brauchen im ersten Schritt keine erschöpfend ausgearbeitete Strategie. Es geht zunächst vielmehr darum, die Technologie zu verstehen – vor allem die Anwendungsmöglichkeiten für Produkte und Prozesse sowie die dafür notwendigen Daten“, erklärt Müller-Jones.

Was die konkreten Entwicklungen in der KI betrifft, erwartet sich IBM-Mann Biniok sehr viel im Bereich Natural Language Processsing – also der Verarbeitung von natürlicher Sprache. Ein Grund für seine Prognose: das Sprachverarbeitungsmodell GPT-3, das der KI-Spezialist OpenAI dieses Jahr veröffentlicht hat. Es ist in der Lage, Sätze oder ganze Absätze selbstständig zu vervollständigen, die im jeweiligen Kontext einen Sinn ergeben. Biniok sieht GPT-3 als einen wichtigen Durchbruch.

Cloud rückt ins Zentrum

Künstliche Intelligenz braucht jedoch viel Rechen-Power. Cloud-Technologie ist eine Möglichkeit, diese relativ einfach und kostengünstig bereit zu stellen. Die Experten rechnen damit, dass dieses Thema im kommenden Jahr noch mehr Fahrt aufnehmen wird – nicht nur, um KI-Anwendungen zu unterstützen. „Viele Unternehmen haben den Einsatz von Cloud-Anwendungen und –Infrastrukturen ausgeweitet und damit Pläne beschleunigt, die sie schon seit langem hatten. Und diese Investitionen in die digitale Transformation sollen in den kommenden Monaten noch verstärkt werden“, sagt Krause von ServiceNow.

Die Cloud rückt zunehmend in den Mittelpunkt, wenn es darum geht, wie IT genutzt wird. So ist wohl auch die Aussage aus dem FutureScape-Bericht des Marktforschungshauses IDC zu verstehen: „Bis Ende 2021 werden 80 Prozent der Unternehmen aufgrund der jüngst gemachten Erfahrungen einen Mechanismus einführen, um doppelt so schnell wie vor der Pandemie auf cloud-zentrierte Infrastrukturen und Anwendungen umzustellen.“

Home Office wird zum Standard

Die Cloud spielt auch eine wichtige Rolle, wenn Mitarbeiter im Home Office arbeiten. Daher wird IT aus der Wolke auch 2021 verstärkt gebraucht werden. Denn: „Remote ist der Standard“ lautet eine Schlussfolgerung der TCS-Studie. Die IT-Dienstleister geht davon aus, dass ortunabhängiges Arbeiten in Zukunft in zahlreichen Berufen zur Regel wird.

So sehen das auch die Analysten des Marktforschungsunternehmens ISG. Nach der Pandemie würde nur eine Minderheit der Mitarbeiter, die jetzt von zu Hause ihren Job erledigen, wieder Vollzeit ins gemeinschaftliche Büro zurückkehren. Umfragen hätten gezeigt, dass die meisten Mitarbeiter vor allem eine Kombination aus Home- und Work-Office bevorzugen, so ISG-Analyst Henning Dransfeld. „In Zeiten des Fachkräftemangels ist deshalb davon auszugehen, dass viele Unternehmen solche gemischten Modelle anbieten.“

Die Marktforscher von IDC erwarten, dass sich in den kommenden drei Jahren 75 Prozent der 2000 weltweit größten Unternehmen dazu verpflichten, ihre Arbeitnehmer technisch so auszustatten, dass sie von vornherein räumlich getrennt in Echtzeit zusammenarbeiten können – und nicht erst gezwungen durch äußere Umstände. Das werde zu besser informierten, zusammenarbeitenden und produktiveren Mitarbeitern führen.

Kristen Robinson, Chief People Officer beim Analyse-Software-Anbieter Splunk, sieht außerdem im Home Office den Vorteil, dass Unternehmen auch weiter weg nach Talenten suchen können. Ihr Kollege Yassir Abousselham, Chief Security Officer bei Splunk, stimmt ihr zu: „Der größere Komfort bei der Verwaltung von Fernarbeitern ermöglicht es uns, weltweit talentierte Mitarbeiter einzustellen, wenn vor Ort ein Fachkräftemangel herrscht“.

Die Frage ist, ob andere Führungskräfte das genauso sehen. Eine Studie von ServiceNow hat vor kurzem gezeigt, dass viele Chefs sich eine Rückkehr zur klassischen Büroarbeit wünschen. Krause hofft allerdings auf deren Einsicht. „Die Stimmen der Mitarbeiter werden immer lauter – sie wollen flexibles Arbeiten als festen Bestandteil.“ Jetzt liege es an den Führungsetagen. „Sie sollten den Mut haben, den Augenblick zu nutzen und eine Welt ohne Pendler oder Nine-to-Five-Jobs zu planen.“

IT-Kompetenzen dringend gesucht

Das zeigt: Technik ist wichtig. Es kommt aber nach wie vor auf den Menschen an – und zwar in ganz unterschiedlichen Bereichen. Es braucht die Chefs, welche die Digitalisierung und neue Formen des Arbeitens vorantreiben. Und gefragt sind daneben Menschen mit den nötigen Kompetenzen, um den digitalen Wandel auch umzusetzen.

Unternehmen suchen daher mehr denn je nach IT-Experten. Diese Stellen sind laut Salesforce nicht nur für ausgebildete Informatiker, sondern auch für qualifizierte Quereinsteiger interessant. Das könnten zum einen Menschen sein, die sich aufgrund von Veränderungen durch die Corona-Pandemie weiterentwickeln möchten oder müssen. Zum anderen aber auch solche, die sich grundsätzlich neu orientieren möchten. 

Eine Möglichkeit, für das nötige Knowhow zu sorgen, sind Weiterbildungen. Doch da gibt es noch Luft nach oben. Salesforce-Experte Engelhardt nennt eine repräsentative Civey-Befragung, wonach nur knapp die Hälfte der Mitarbeiter mit den Weiterbildungsmöglichkeiten bei ihrem Arbeitgeber zufrieden. Hier werden die Firmen noch nachlegen müssen. Denn der Bedarf an digitalen Kompetenzen wird nicht abnehmen.

Immerhin stehen genügend Online-Tools zur Verfügung, um solche Weiterbildungen auch virtuell durchzuführen. Die vergangenen Monate sollten allen Skeptiker gezeigt haben, dass solche Formen der Wissensvermittlung durchaus funktionieren. Laut Civey-Studie sind zwei Drittel der deutschen Arbeitnehmer offen für die Nutzung von Online-Lernplattformen, um sich Fähigkeiten anzueignen, die sie für einen angestrebten neuen Beruf brauchen.

Ob Unternehmen diese Möglichkeiten stärker nutzen, werden die kommenden zwölf Monate zeigen. Das Gleiche gilt natürlich für alle genannten Prognosen. Doch fest steht sicherlich, dass Offenheit und Flexibilität gute Voraussetzungen sind, um für das gewappnet zu sein, was noch kommen mag. „Wenn ich eine Prognose für 2021 wagen darf, dann würde ich darauf setzen, dass es das Jahr der Lessons Learned wird und wir sowohl aus unseren verpassten Chancen als auch den Ad-hoc-Maßnahmen lernen“, meint Krause von ServiceNow. Und Lernen ist ja nie verkehrt.

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