Off the record: Web-Meeting mit Willi und Edward

Bild: Barrytown.de

Webkonferenzen gehören zur neuen Normalität, sind aber noch längst keine Routine – wie Erfahrungen speziell aus den vergangenen Monaten zeigen. Ein fast authentischer Erlebnisbericht.

„Wir hören Sie nicht“, sagt Frau Meier vom PR-Team zum Geschäftsführer des einen führenden Unternehmens in seiner Branche, das zur Pressekonferenz geladen hat. Im Jahr 2020 findet diese online statt. Seit Anfang März saß ich nicht mehr auf einem Stuhl neben anderen Kollegen und habe Menschen hinter einem langen Tisch zugehört, wie sie über die Neuigkeiten ihres führenden Unternehmens gesprochen haben. Stattdessen verfolge ich die News auf meinem Rechner. Denn seit Anfang März finden Pressekonferenzen über Zoom, Teams, Webex oder einem anderen Tool statt.

Aber nicht für jeden ist der Auftritt auf der virtuellen Bühne zur Routine geworden. Herr Müller von dem einen führenden Unternehmen bewegt seinen Mund, doch seine Stimme ist nicht zu vernehmen.

Nach zwei Minuten macht ihn die Pressedame darauf aufmerksam. Nach zwei weiteren Minuten findet der Geschäftsführer die Ursache des Problems und klappt das Mikrofon an seinem Headset nach unten, um hinein sprechen zu können. Er beginnt noch mal von vorne mit seiner Einführung.

Ich öffne mein E-Mail-Programm. Keine neue Nachrichten. Ich minimiere das Fenster.

Neben Herrn Müller haben auch meine Kollegen und ich ihre Kameras aktiviert. Man sieht uns wie wir vor Bücherregalen, weißen Raufasertapeten oder Heimtrainern sitzen. Die Corona-Zeit verbringt man nicht nur in Webkonferenzen, sondern auch im Home Office.

Stumm, aber im Bild

Auch die Kamera von Frau Meier, der Pressedame, ist aktiv. Und das, obwohl sie gerade gar nicht an der Pressekonferenz teilnimmt. Als ihr Chef mit seinem Einführungsvortrag begonnen hat, hat sie auf das Mikrofon-Symbol in dem Webkonferenz-System geklickt und sich stumm gestellt. Jetzt arbeitet sie an ihrem Rechner weiter – wie jeder von uns sehen kann. Ihre Kamera ist noch aktiv. Sie tippt auf der Tastatur herum. Sie stoppt. Schaut in die Luft, während sie nachdenkt. Sie fährt sich durch die Haare und richtet ihren Zopf neu. Und hämmert wieder auf die Tastatur ein.

Kollege Schmidt sieht man dagegen nicht. Dafür den Edward-Hopper-Druck, der an seiner Wand hängt. Er hat die Webcam offensichtlich so positioniert, dass sie das Bild an der Wand zwar komplett, von ihm aber nur die Haarspitzen zeigt. Als er eine Frage an Geschäftsführer Müller stellt und dazu in sein Mikro spricht, wirkt es so, als käme die Stimme aus dem Haus am Meer, das Edward Hopper neben einen Leuchtturm gemalt hat.

Auch Geschäftsführer Müller sitzt im Home Office. Hinter ihm hängt kein Gemälde. Aber dafür steht dort ein Kerzenständer – mit zwei Armen, die dünn und nach außen geschwungen sind. Relativ hässlich für meinen Geschmack. Aber es ist ja nicht mein Wohnzimmer.

Herr Müller rutscht mit seinem Stuhl etwas nach rechts, um besser im Bild zu sein. Das ist er nun in gewisser Weise auch. Er sitzt jetzt so vor dem Kerzenständer, dass es aus Sicht der Kamera so wirkt, als wüchsen die beiden Arme direkt aus seinem Kopf heraus. Wie Fühler bei einem Insekt. Es ist ein sehr ovaler Kopf. Ich denke an Willi. Den besten Freund von Biene Maja. Ein bisschen klingt seine Stimme auch nasal, denke ich mir.

„Und wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung“, fragt Geschäftsführer Müller in die Runde. Nachdem er einige Fragen beantwortet hat, möchte er nun die Meinung der virtuell anwesenden Journalisten hören. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, in denen ich gerade über eine Blumenwiese fliege. Und Grashüpfer Flip springt neben mir auf und ab.

Zum Glück antwortet Kollege Schulz. Oder versucht es zumindest. Er beginnt: „Also, ich denke, dass es derzeit einen Trend zu…“ – „Wwwwwww…“ Er stoppt. Aus einem der Mikros ist ein maschinenhaftes Brummen zu hören. Ein sehr lautes maschinenhaftes Brummen. „Wwwwwww…“. Gefolgt von einem Röcheln. „Chrchrchr…“

„Äh, was ist das?“, fragt Kollege Schulz. „Saugt da jemand Staub?“

„Oh, Entschuldigung“, hört man die Stimme, die zum Edward-Hopper-Bild gehört. Die Haarspitzen von Kollege Schmidt, die gerade verschwunden waren, kehren wieder an ihren Platz zurück. „Das war meine Kaffeemaschine. Habt ihr die gehört?“

Ich öffne mein Mail-Programm. Ein paar neue Nachrichten. Nichts Interessantes. Ich minimiere das Fenster.

Hört mich jemand?

„Gut“, versucht es Kollege Schulz noch einmal, „also wie ich geraaaaadee schooooon saaagte.“ Jedes seiner Worte dehnt sich aus wie Kaugummi. Das Bild von ihm wird pixelig. Und dann ist es ganz weg. Schwarz. Stille.

„Oh, das scheinen wohl technische Probleme zu sein“, sagt Herr Meier von dem einen führenden Unternehmen. „Aber ich denke, wir waren ja schon fast am Ende. Noch weitere Fragen? Oder war´s das?“.

„Ja“, sage ich. „Also, mich würde interessieren, ob…“

„Gut, wenn es dann keine weiteren Fragen mehr gibt, bedanke ich mich für Ihre Teilnahme an unserer Pressekonferenz“, sagt Frau Meier, die Pressedame, die jetzt auch gedanklich wieder bei uns ist.

„Äh, Moment“, versuche ich es noch einmal. „Ich wollte eigentlich noch wissen, ob…“

Aber niemand reagiert.

„Hallo, hören Sie mich?“, frage ich.

Weder Frau Meier noch Geschäftsführer Müller antworten. Das Bild von Kollege Schulz bleibt schwarz. Kollege Schmidt schlürft seinen Kaffee. Ich behalte meine Frage für mich.

„Ich hoffe die Informationen waren interessant für Sie“, fährt Frau Meier fort. „Auch virtuell können sich ja spannende Diskussion entwickeln, wie wir gesehen haben. Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Tag. Bleiben Sie gesund.“

Sie winkt in die Kamera. Und dann ist ihr Bild weg. Genauso verschwinden auch die Kollegen und Geschäftsführer Müller. Eine Kamera nach der anderen schaltet sich ab.

Ich möchte auch die Webkonferenz verlassen und fahre mit dem Mauszeiger über die Oberfläche des Systems. Dabei taucht das Mikrofon-Symbol auf. Es ist durchgestrichen.

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