„Die Blockchain hat einen Impact“

Christian Schultze-Wolters ist bei IBM Geschäftsbereichsleiter Blockchain für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Bild: IBM

Herr Schultze-Wolters, beim Einsatz der Blockchain rücken verstärkt Projekte in den Vordergrund, bei denen es um Nachhaltigkeit oder auch soziale Belange geht.

Schultze-Wolters: Das ist ein wichtiger Grund, warum sich IBM schon seit ein paar Jahren stärker mit dieser Technologie auseinandersetzt. Der Bereich Nachhaltigkeit entwickelt sich gerade sehr stark, weil die Generation, die nachwächst, entsprechende Fragen stellt. Die Schwerpunkte unserer Projekte liegen unter anderem in der Lebensmittel- und in der Modebranche. Es geht dabei zum Beispiel um Kinderarbeit, um Gemüse, das mit Glyphosat bespritzt oder um Geflügel, das mit Antibiotika ernährt wird.

Können Sie ein paar Projekte nennen?

Schultze-Wolters: Food Trust ist eine Lösung, die wir zusammen mit Walmart entwickelt haben. Mehr als 200 Unternehmen machen mittlerweile mit – zunehmend mehr aus Europa. Food Trust adressiert verschiedene Themen – wie zum Beispiel Lebensmittelrückverfolgung oder die Echtheit von Herkunftszertifikaten

Von der Kartoffel-Aussaat bis
zum fertigen Püree

Das heißt, wenn ich bei Walmart ein Produkt einer Firma aus dem Regal greife, die bei Food Trust mitmacht, kann ich dessen Entstehungsweg zurückverfolgen?

Schultze-Wolters: Genau. Das funktioniert über den QR-Code auf der Verpackung. Wenn der Verbraucher diesen scannt, erfährt er, wann zum Beispiel die Jakobsmuschel auf welchem Kutter geerntet wurde. Wann sie verarbeitet wurde. Welchen Transportweg sie hatte. Und wo sie mit welcher Kühlung gelagert wurde. In einem Projekt, das wir zusammen mit dem französischen Retailer Carrefour und mit Nestlé realisiert haben, geht es um Kartoffelpüree. Dabei können Sie von der Aussaat der Kartoffel bis zum fertigen Kartoffelpüree den gesamten Weg zurückverfolgen. Inklusive der Zertifikate der beteiligten Bauern.

Was geschieht in der Modebranche?

Schultze-Wolters: Wir entwickeln gerade mit einem Unternehmen, dessen Namen ich noch nicht nennen kann, und unterstützt durch ein Bundesministerium eine Lösung in Analogie zu Food Trust. Ich nenne diese jetzt mal Fashion Trust. Da geht es in der ersten Implementierung um Nachhaltigkeit – etwa bei Biobaumwolle. Wir wollen den gesamten Lieferkettenprozess abbilden und eine faire Bezahlung der Bauern sicherstellen. Wir werden dafür auch mit verschiedenen NGOs zusammenarbeiten und dann sicherlich auch Unternehmen einbeziehen, die zum Beispiel mit dem „Grünen Knopf“ des BMZ zertifiziert sind oder sich im Textilbündnis organisieren.

Blockchain erschwert das Betrügen

Was ist mit der Blockchain in diesen Projekten möglich, was sonst nicht möglich wäre?

Schultze-Wolters: Ein wesentliches Element der Blockchain ist: Die Daten bleiben dort, wo sie hingehören. Denn die Blockchain basiert ja auf einer dezentralen Datenhaltung – das heißt, ein Unternehmen muss seine Daten nicht an einen Dritten liefern. Das ist entscheidend, weil es sich ja teilweise um sensible Daten handelt. Ein wichtiger Punkt ist außerdem, dass die Daten in einer Blockchain unveränderbar sind. Sie können auch nicht gelöscht werden. Im Gegensatz zu Lösungen, bei denen ein Administrator theoretisch in einer zentralen Datenbank Änderungen vornehmen kann. Die Blockchain erschwert also das Betrügen, vor allem dann, wenn wir sie als so genannte private Blockchain aufsetzen und damit die Transparenz noch mehr erhöhen. Ebenso wichtig erscheint mir noch, dass Daten dank der Blockchain einem Ökosystem nahezu in Echtzeit zur Verfügung gestellt werden können – weltweit und rund um die Uhr. Auf den Plattformen, die wir anbieten, agiert außerdem jeder auf Augenhöhe. Es gibt keine hierarchischen Strukturen. Es handelt sich um offene Industrie-Plattformen.

Die Blockchain sorgt für Transparenz beim Lebensmittelkauf. Bild: IBM

Die Systeme, von denen sie sprechen, gehen runter bis zum Kaffeebauern oder zum kleinen Textilunternehmer. Sind denn überhaupt die Voraussetzungen für alle gegeben, an einer Blockchain teilzunehmen?

Schultze-Wolters: Ich erkläre das mal am Beispiel Baumwolle. Der Schwerpunkt dieses Projekts wird in Uganda liegen. Dort gibt es circa 70.000 Baumwollbauern. Das ist eine enorme Zahl und eine große Herausforderung. Diese Bauern sind unter anderem in so genannten Kooperativen organisiert. Dies ist die erste Einheit, an der ein solcher Digitalisierungsprozess beginnt. Beim Thema Kaffee läuft das genauso ab. Dafür haben wir eine Plattformlösung entwickelt, die sich Farmer Connect nennt und die auf Food Trust basiert. Ruanda und Kolumbien sind auf dieser Basis die ersten Länder, die sich mit ihren Kooperativen daran beteiligen. Die Kooperative ist in Afrika und Südamerika ein wesentliches Element in der Kette. Sie ist der verlängerte Arm zu den Bauern und Plantagenbesitzern.

Was ist neben der reinen Rückverfolgung noch möglich?

Schultze-Wolters: Wir haben auch eine App entwickelt, mit der ein Verbraucher nicht nur zurückverfolgen kann, von welcher Plantage der Kaffee kommt. Er kann darüber auch direkt Verbindung mit dem Bauern beziehungsweise mit der entsprechenden Kooperative in Kolumbien oder Ruanda aufnehmen. So kann er dort soziale Projekte unterstützen und Geld spenden – direkt über die App. Er kann sich zum einen sicher sein, dass dabei keine administrativen Kosten anfallen. Und zum anderen ist aufgrund der Sicherheit, welche die Blockchain bietet, gewährleistet, dass jeder Euro genau bei dem Projekt ankommt, das unterstützt werden soll.

Abbau von Kobalt lässt sich rückverfolgen

Es gibt noch ein weiteres Projekt, dass die Gewinnung von Kobalt für die Batterien von E-Fahrzeugen transparenter machen soll – weil dies teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen geschieht. Können Sie dazu etwas sagen?

Schultze-Wolters: Es geht dabei um eine Initiative, an der mehrere Unternehmen beteiligt sind. Auch hier dient die Blockchain der Rückverfolgung – und zwar bezüglich des Abbaus von Kobalt in den Minen im Kongo. Mit ihr lässt sich also nachvollziehen, woher das Kobalt konkret kommt. Ein wesentlicher Initiator neben IBM war Ford. Außerdem ist mit RCS Global auch ein Auditor beteiligt. Dieser stellt sicher, dass das, was auf dem Zertifikat steht, auch wirklich der Realität entspricht. Solche neutralen Einheiten sind wichtig. Immer mehr Unternehmen treten dem Konsortium bei. Dazu gehören Volvo, Fiat Chrysler, VW und Glencore – eine der größten Minengesellschaften der Welt. Kobalt ist aber nur der Anfang.

Das heißt?

Schultze-Wolters: Es gibt eine Anforderung der OECD, die mittlerweile zu einem Gesetz in der EU geführt hat. Demnach müssen die so genannten 3TGs – also Tantalum, Zinn, Wolfram und Gold – ab 1. Januar 2021 nachhaltig eingekauft und verarbeitet werden. Und das muss entsprechend nachgewiesen werden. Daher werden wir uns mit Zinn als nächstem Rohstoff im Rahmen dieser Blockchainlösung RSBN beschäftigen. Anschließend werden dann nach und nach auch Tantalum, Wolfram und Gold hinzukommen.

Unterstützung in der Corona-Pandemie

Das Thema, das zur Zeit die ganze Welt in Atem hält, ist Corona. Kann die Blockchain auch in diesem Zusammenhang helfen?

Schultze-Wolters: Wir haben bereits eine Lösung entwickelt, welche die Vorteile der Blockchain für das Management von Lieferanten nutzt. Große Unternehmen haben tausende Lieferanten, mit denen sie täglich zusammenarbeiten. Diese müssen sich ständig aufs Neue zertifizieren und es müssen immer wieder Qualitätsprüfungen durchgeführt werden. In der Corona-Pandemie produzieren nun auch Unternehmen Medizinprodukte, die gar nicht zu den typischen Lieferanten eines Krankenhauses beziehungsweise des Ökosystems im Gesundheitssektor zählen. Daimler baut beispielsweise Komponenten für Beatmungsmaschinen. Oder Modelabels nähen Schutzmasken. Wir arbeiten nun daran, mithilfe unserer Blockchain-Lösung eine Infrastruktur aufzubauen, in der diese produzierenden Firmen und die Empfänger der Produkte wie eben Krankenhäuser schneller zusammenkommen können. Das würde mit den klassischen Strukturen viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. IBM hat die Lösung vor kurzem für die USA angekündigt. Und nach und nach soll die Lösung auch in andere Märkte gebracht werden.

Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man denken, dass die Blockchain für viele Probleme, die uns derzeit umtreiben, eine Lösung ist.

Schultze-Wolters: Es gibt natürlich noch viele andere Blockchain-Projekte, die nichts mit Nachhaltigkeit oder sozialen Aspekten zu tun haben. Und ja, die Blockchain hat einen Impact. Das passt auch gut zu der Initiative Smarter Planet, die IBM vor einigen Jahren initiiert hat. Im Rahmen dieser Initiative hat IBM ein besonderes Interesse, in solche Projekte zu investieren. Ich kann Ihnen noch ein weiteres Beispiel nennen.

Digitales Geld für Plastiksammler

Bitte sehr.

Schultze-Wolters: Das Unternehmen Plastic Bank kämpft gegen Umweltverschmutzung durch Plastik. In Ländern mit einer schlechten Müllinfrastruktur wie etwa Haiti oder den Philippinen versucht es, die armen Leute dort zu motivieren, Plastik einzusammeln, bevor es in Flüsse oder ins Meer gelangt. Dieses kann dann dem Produktionsprozess als so genanntes Social Plastic wieder zugeführt und verwendet werden. Die Leute, die das Plastik sammeln, bekommen dafür Geld – aber in virtueller Form, als so genannten digitalen Token auf ihrem Smartphone, das die meisten Menschen auch in diesen Ländern besitzen. Mit diesem Token können sie Lebensmittel kaufen, Freiminuten bei ihrem Telekommunikationsanbieter erwerben oder ihre Kinder auf eine Schule schicken – alles auf Basis der Blockchain.

Welche Unternehmen machen mit?

Schultze-Wolters: In Deutschland gibt es derzeit zwei Unternehmen. Das eine ist Aldi, das diesen Menschen seine Produkte zu besonderen Konditionen zur Verfügung stellt, vor allem aber in das Projekt und den Aufbau der lokalen Plastic-Bank-Infrastruktur investiert. Das andere Unternehmen ist Henkel, welches das Social Plastic für seine Produkte im Produktionsprozess verwendet und ebenfalls nachhaltig den Aufbau vor Ort finanziell unterstützt. So ist es im ersten Jahr nach dem Einstieg von Henkel gelungen, zusätzliche 35 Tonnen Plastikmüll auf Haiti zu sammeln.

Das sind alles tolle Projekte. Aber ich habe den Eindruck, dass die Euphorie in Sachen Blockchain vorbei ist. Stattdessen befinden wir uns jetzt wohl in der Findungsphase, in der sich herausstellt, welche Anwendungen wirklich Sinn ergeben.

Schultze-Wolters: Es ist gut, dass der Hype vorbei ist. Denn während des Hypes sagen alle: Ich habe eine tolle Technologie, wo ist das Problem? Aber das ist ja Quatsch. Wir wollen keine Probleme suchen, sondern welche lösen. Und die Findungsphase ist wichtig. Man muss vieles ausprobieren. Unternehmen kommen nun mit konkreten Herausforderungen und fragen, ob sie diese mithilfe der Blockchain lösen können. Bei manchen ist dies möglich. Und bei anderen eben nicht.

Blockchain für fairen Kaffehandel – einen Einblick in Farmer Connect gibt dieses Video.

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