Off the record: Im Technik-Check

Bild: Peggy Marco/Pixabay

„Hoffentlich klappt alles“, sagt meine Kollegin aus dem Projektmanagement. Morgen wird das erste aus einer Reihe von Webinaren stattfinden, die wir nach dem corona-bedingten Ausfall einer Messe innerhalb relativ kurzer Zeit entwickelt haben. Wir sind noch einmal den Ablauf durchgegangen. Der Technik-Check ist gut gelaufen. Es kann losgehen.

„Hoffentlich klappt alles.“ Meine Kollegin ist nervös. Wir haben mit dieser Art von Online-Foren noch keine Erfahrung. Wird die Bildschirmübergabe funktionieren? Laufen die Videos in den Präsentationen? Wird die Abschlussdiskussion klappen, in der sich alle Sprecher gleichzeitig mit Ton und Bild zuschalten?

Nicht nur die Kollegin aus dem Projektmanagement ist nervös. Alle Beteiligten sind es – inklusive mir, der ich das Webinar moderieren werde. Die Ungewissheit ist größer als bei einer Präsenzveranstaltung. Es kommt in der Online-Variante noch mehr auf die Technik an. Und das treibt einem offensichtlich den Schweiß auf die Stirn.

Der Mensch als Schwachstelle

Doch warum eigentlich? Bei einem klassischen Forum, bei dem echte Menschen auf echten Bühnen stehen, kann auch vieles schief gehen. Und tut es auch. Auch dort versagt mal die Technik, weil zum Beispiel ein Mikro nicht funktioniert. Es kann aber auch der Mensch die Schwachstelle sein. Ein Referent, der nicht aufhört zu sprechen. Oder der – noch schlimmer – viel zu früh aufhört zu sprechen, sodass sich die verbleibende Zeit bis zum nächsten Slot auch nicht mit ein paar Fragen überbrücken lässt.

Ich habe mal ein Forum auf einer Messe moderiert. Der erste Vortragende an diesem Morgen erzählte mir von seiner langen Erfahrung als Redner. Er ließ keinen Zweifel daran, dass die Besucher des Forums und ich gleich Zeugen einer der professionellsten und souveränsten Präsentationen werden würden, die jemals in diesem Rahmen gehalten wurden.

Als er dann begann, war er so nervös, dass sein gesamtes Handout aus seinen zittrigen Händen fiel und sich die Din-A-4-Blätter über die gesamte Bühne verteilten. Es kostete ihn zehn Minuten seines 30-Minuten-Slots, sie alle wieder aufzusammeln. Und weitere zehn Minuten, sie wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Die restliche Zeit stand er im schweißdurchtränkten Hemd vor den Zuhörern und versuchte, die Anzahl der Ähs, die sich in einem deutschen Satz unterbringen lässt, auf ein erträgliches Maß zu reduzieren – was ihm nicht gelang.

Um es kurz zu machen: Auch in einer Präsenzveranstaltung kann viel Unvorhergesehenes passieren. Doch hier zeigt sich, was auch in anderen Bereichen festzustellen ist. Je mehr Technik involviert ist, desto höher sind unsere Ansprüche nach Perfektion. Technik muss mit annähernd 100-prozentiger Sicherheit funktionieren, sonst setzen wir sie nicht ein.

Revisionssichere E-Akten, aber offene Büros

Als Redakteur einer Computerzeitung habe ich eine Zeit lang über Dokumentenmanagement, elektronische Archivierung und ähnliche Dinge geschrieben. Dabei ging es oft darum, wie revisionssicher die digitalen Akten abgelegt werden. Welche technischen Funktionen sie davor schützen, manipuliert zu werden.

Worüber Kollegen und ich aber nicht geschrieben haben: über Aktenordner, die in offenen Schränken stehen, die sich in unverschlossenen Büros befinden. Ebenso wenig gab es Beiträge über Business-Menschen, die in ICE-Zügen über ihr Mobiltelefon lautstarke Gespräche mit Partnern oder Mitarbeiter führen, deren Inhalte nicht für Dritte oder die Insassen eines vollbesetzten Waggons bestimmt sind.

Profilneurotiker und Poser

Weiteres Beispiel? Es ist ohne Frage richtig, dass die Technologien für autonome Fahrzeuge lange sowie gründlich auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor sich Autos selbstständig durch unsere Städte bewegen. Und es gibt diesbezüglich auch noch einiges zu tun.

Aber auch hier ist die Frage, wie hoch die Anforderungen gesetzt werden sollen – im Vergleich zu denen, die wir an die Menschen haben. Ich denke etwa an diejenigen unserer Spezies, die sich mit einer ausgeprägten Profilneurose hinters Steuer setzen und auf der Autobahn jeden per Lichthupe von der Spur drängen, der ihnen vor die Scheinwerfer kommt. Oder die sich in ihren geliehenen Mercedes SLK setzen, um posend durch die Innenstadt zu fahren und bei jedem Fußgänger, der vor ihnen über die Straße läuft, lustigerweise mal kurz aufs Gaspedal zu treten. (Ich wohne in Mannheim. Ich weiß, wovon ich rede.)

Natürlich machen auch Computer und somit auch elektronisch gesteuerte Fahrzeuge Fehler. Aber Software ist nicht unachtsam, weil sie sich in Gedanken beim Streit mit der Liebsten, dem Rüffel vom Chef oder anderen Problemen befindet. Sie setzt sich auch nicht zugedröhnt von Alkohol oder anderen Drogen hinters Steuer.

Das Problem vor dem Rechner

Das Webinar verläuft übrigens reibungslos. Bis ein Referent an der Reihe ist, der mit zwei Monitoren arbeitet – einen für seine Präsentation, den anderen für seinen Text. Doch der Bildschirm, den er freigibt, ist nicht der, den er zeigen möchte. Es vergehen Minuten. Verdammte Technik, denke ich.

Dann schaltet sich die Kollegin aus dem Projektmanagement ein und erklärt dem Referenten, auf welchen Button er klicken muss – so wie das im Technik-Check besprochen war.

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