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Das Lieferkettengesetz fordert die Unternehmen. Aber es gibt Software, die sie dabei unterstützt – und eine KI, welche die aktuelle Risikolage im Blick behält.
Das Wort ist ein Monstrum: Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Oder kurz: LKSG. Nachdem das Gesetz für Unternehmen mit mehr als 3000 Angestellten seit einem Jahr gilt, sind die Erfahrungen der Firmen durchwachsen. So in etwa ließen sich die Ergebnisse einer Studie interpretieren, die der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und der Software-Anbieter Integritynext durchgeführt haben.
Immerhin: Herausforderungen sind zwar mit dem LKSG verbunden. Aber es ist auch nicht alles so dramatisch, wie es aufgrund der lauten Klagen, die oft zu hören sind, erscheinen mag. Grundsätzlich sehen zwei Drittel der befragten Firmen in ihrer Lieferkette einen bedeutenden Hebel für mehr Nachhaltigkeit. Dass ihnen konkret das LKSG helfe, Nachhaltigkeit im Unternehmen und der Lieferkette voranbringen, glauben allerdings nur 38 Prozent.
Bei der Umsetzung der Anforderungen, die sich aus dem LKSG ergeben, können viele Unternehmen schon einiges vorweisen. 80 Prozent haben etwa ein Risikomanagementsystem in Planung oder haben es bereits implementiert. 58 Prozent haben damit gute beziehungsweise sehr gute Erfahrungen gemacht. Herausforderungen sehen die Unternehmen besonders darin, Transparenz über die Lieferkette hinweg zu gewinnen, die notwendige Datenqualität zu erreichen und im zeitlichen sowie organisatorischen Aufwand.
Die meisten Firmen setzen schon auf digitale Hilfe
Doch es gibt Hilfe in Form von Software. Und die meisten Unternehmen nutzen diese auch. 84 Prozent der Firmen arbeiten mit Softwaresystemen, um beispielsweise Daten-Risikoanalysen durchzuführen oder Reportings zu erstellen.
Es gibt sogar Anbieter, die sich darauf spezialisiert haben, Unternehmen beim LKSG zu unterstützen. Dazu zählen Startups swie Integritynext und Osapiens. Deren Software, die sie in der Cloud anbieten, soll Transparenz ins Unternehmen und in die Lieferkette bringen.
Wie das genau funktioniert, erklärt Stefan Wawrzinek, Co-Founder von Osapiens: „Wir werten weltweit sehr viele Quellen aus, die etwa von NGOs oder von Regierungen zur Verfügung gestellt werden. Daraus berechnet unser Software dann, welches Risiko potenziell für einen bestimmten Lieferanten in einer bestimmten Industrie entstehen könnte. Wir können dabei eine Priorisierungshilfe geben, damit das Unternehmen weiß: Welche Lieferanten schaue ich mir als erstes an? Wo schaue ich genauer hin? Wo muss ich Folgemaßnahmen planen? Wo kann ich Zertifikate oder Audits einfordern?“

Software liest Zeitung und verschickt Fragebögen
Neben Berichte der verschiedenen Organisationen und Institutionen werden auch Zeitungsartikel analysiert. „Unsere Software liest quasi jeden Tag mehrere tausend Zeitungsquellen – national und international“, erklärt Wawrzinek. „Dabei versucht sie zu erkennen: Ist in dieser Zeitung ein Bericht enthalten, der potenziell eine Gefahr im Zusammenhang mit dem LKSG beinhalten könnte? Und ist eines meiner Unternehmen davon betroffen?“
Dafür nutzt Osapiens auch künstliche Intelligenz (KI). Im Gegensatz zu bestimmten Indizes wie etwa dem Human Freedom Index befinden sich in den Zeitungsartikeln keine konkreten Zahlenwerte. In einem solchen Text werde lediglich beschrieben, wie das Risiko aussieht, so Wawrzinek. Und hier hilft die KI. Diese lese den Text und evaluiere automatisch, welches Risiko für das Unternehmen darin enthalten ist, erklärt er.
Das System analysiert aber nicht nur das Risikopotenzial. Es unterstützt auch bei den Maßnahmen, die daraus folgen. So lassen sich bestimmte Prozesse mit der Software automatisieren. Zum Beispiel verschickt sie selbständig Fragebögen an die Lieferanten aufgrund von bestimmten Kriterien. „Wenn es nach zwei Wochen darauf keine Antwort gibt, geht die Software davon aus, dass etwas nicht stimmt und fragt noch mal nach. Das gleiche passiert nach weiteren zwei Wochen.“ Falls es dann noch immer keine Rückmeldung gebe, werde der Fall an die zuständigen Mitarbeiter weitergeleitet.
Laut Wawrzinek hat Nachhaltigkeit in den Firmen deutlich an Bedeutung gewonnen. „Generell sind die Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit strategisch ganz anders aufgestellt als noch vor zwei Jahren.“ Das LKSG habe daran zumindest einen gewissen Anteil. „Es hat den Fokus noch mal verstärkt. Jeder achtet nun sehr darauf, ob es irgendwo einen Verstoß gibt und was Unternehmen wirklich tun, um dieses Gesetz zu verfolgen. Und das ist eine Entwicklung, die zu begrüßen ist.“
CSRD ist noch komplexer
Seiner Meinung nach wird es künftig noch mehr Bedarf an solchen Software-Lösungen wie der von Osapiens geben. Das LKSG sei erst der Anfang. „Es wird noch viele weitere Gesetze im Bereich Nachhaltigkeit geben, die ebenfalls Transparenz einfordern.“ Dazu zählt etwa die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Diese sei noch deutlich komplexer als das LKSG, so Wawrzinek. In Bezug auf das LKSG werden außerdem bald wohl noch mehr Unternehmen digitale Hilfe in Anspruch nehmen. Seit Januar dieses Jahres gilt das Gesetz auch für Firmen mit 1000 bis 3000 Angestellten.
Und dann gibt es ja noch das europäische Lieferkettengesetz. Auf ein solches haben sich die EU-Staaten gerade geeinigt. Deutschland hat sich bei der Abstimmung enthalten – auf Forderung der FDP. Die befürchtet negative Auswirkungen für die europäischen Unternehmen. Dabei gäbe es ja Software, die ihnen hilft.