Off the record: Dinos auf der Pressekonferenz

„Man kann es nur verschwommen sehen“ – die Dame in der Reihe vor mir tippt gerade diese Whatsapp-Nachricht in ihr Smartphone. Angehängt ist ein Bild von der Bühne im Berliner Admiralspalast, auf der gerade Max Raabe steht.
Dass er sich dort befindet, sieht die Smartphone-Nutzerin, das sehe ich und es sehen auch alle anderen Besucher des Konzerts. Der Empfänger der Whatsapp-Nachricht wird es jedoch nicht erkennen. Denn das Foto, das sie mit ihrem Alleskönner-Handy gemacht hat, gleicht dem, was man sieht, wenn man seine Nase gegen eine Milchglasscheibe drückt.

Also ein neuer Versuch: Sie hebt das Smartphone mit der linken Hand hoch, zieht das Bild mit Daumen und Zeigefinger größer – um dann festzustellen, dass man nur mit viel Kreativität einen Menschen vor einem Mikrofonständer identifizieren kann. Der Rest bleibt Milchglasscheibe.
Das geht mich natürlich nichts an – weder die Whatsapp-Nachricht noch die verzweifelten Versuche der Dame in der Reihe vor mir, von Max Raabe ein Foto zu machen, auf dem Max Raabe zu erkennen ist.
Doch während ich versuche, das Konzert dieses großartigen Künstlers zu genießen, taucht in meinem Blickfeld ständig ein 6-Zoll-Monitor auf. Genauso wie dies mittlerweile auch bei jedem Kindergartenfest, jeder Grundschul-Abschlussfeier oder jedem Weihnachtskonzert der Fall ist.

Seit einigen Jahren fühle ich mich nicht nur in Konzertsälen, sonder auch auf schulischen oder ähnlichen Veranstaltungen wie auf einer Pressekonferenz. Wann immer ein Kind tanzt, singt oder in einem Theaterstück mitwirkt, stürmt Mama oder Papa in Richtung Bühne, um die Darbietung für die Nachwelt festzuhalten.

Wenn also die Fünfjährigen mit Zahnlücken und Rotznasen aus der Kita-Gruppe „Die Dinos“ das Lied von der kleinen Raupe Nimmersatt singen, bildet sich vor ihnen ein großer Pulk aus Erwachsenen. Familienväter und -mütter stehen, knien oder liegen vor den Kindern, um den perfekten Aufnahmewinkel zu finden.
Jeder hält mit der linken Hand sein Smartphone in die Höhe, während er mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand das Bild größer oder kleiner zieht. Bis der perfekte Zoom gefunden ist, haben die Dinos ihre Vorstellung auch schon beendet.
Dann stoppt Papparazzo-Papa die Aufnahme und öffnet die Galerie auf seinem Mobilgerät, um die Qualität des Videos zu begutachten. Aus zig Smartphones der Eltern-Meute ertönt noch mal die Raupe Nimmersatt, während sich die Kindergarten-Gruppe für ihren nächsten Song bereit macht.
„Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen“, tönt es dann aus den kleinen Kehlen. Die Smartphones gehen wieder in den Aufnahmemodus und vor dem Kinderchor baut sich erneut eine Wand aus 6-Zoll-Monitoren auf.

Die Aufnahmen liegen anschließend im internen Speicher des Smartphones. Und dort bleiben sie, bis das Mobilgerät im kommenden Jahr gegen ein neues ausgetauscht wird – ohne ein einziges Mal betrachtet worden sein. Vielleicht landen sie auch in der Cloud. Das Ergebnis bleibt das gleiche.
Ich kann mich auch irren. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass der Papa der kleinen Lena oder des kleinen Finn aus der Dino-Gruppe zu Hause mit der gesamten Verwandtschaft einen Video-Abend veranstaltet, um sich die Live-Performance von der Raupe Nimmersatt noch mal in voller Länge reinzuziehen.

Das wäre ein Geschäftsmodell, das man in der „Höhle der Löwen“ vorstellen sollte: Ein Startup übernimmt für seine Kunden das Anschauen der Aufnahmen von Turnvereinsfesten oder Einschulungsfeiern. Die Mitarbeiter des Dienstleisters glotzen sich durch Footage-Material in Petabyte-Größe – mit Chips und Bier auf einem Sofa in einem coolen Berliner Loft. Watching on Demand. 10,99 Euro pro Monat.
Auch die Dame vor uns wird sich die Bilder, die sie an diesem Abend von Max Raabe macht, im Nachhinein wohl nicht noch mal anschauen. Schon allein wegen der Aufnahmen von Menschen hinter Milchglasscheiben, die kaum abendfüllend sein dürften.
Ob sie jemals ein Foto zustande bringen wird, auf dem Max Raabe auch als solcher zu erkennen ist, werde ich nicht erfahren. Nach ihrem vierten oder fünften Versuch stehe ich auf und setze mich auf einen anderen Platz. Dessen bisheriger Inhaber ist gerade vor die Bühne gelaufen. Dort steht er nun mit seinem Smartphone und macht Bilder von den Musikern.

Nach dem Konzert verlasse ich mit meiner Tochter und meiner Frau den Saal. Trotz der 6-Zoll-Monitore im Sichtfeld war es ein schöner Abend. Wir streifen durch das Foyer des Admiralspalastes. Ein Moment, der festgehalten werden sollte. Wir stellen uns eng zusammen, ich aktiviere in meinem Smartphone den Selfie-Modus. Und dann halte ich das Gerät mit der linken Hand in die Höhe und ziehe mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand das Bild größer und wieder kleiner. Bis der Zoom stimmt.

Bild: Vitaly Vlasov/Pexels

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