Off the record: Fischmarkt mit Self-Service

Auf der Konferenz eines IT-Anbieters, in einem Kongresszentrum irgendwo in der Republik. Der Schall lauter Rufe wird zwischen den Säulen und Wänden der großen Empfangshalle hin- und hergeworfen. „Peter Meier, Harald Irgendwas, Thomas Sonstwie…“ Hinter einer langen Reihe von Tischen stehen junge Leute, an ihren einheitlichen T-Shirts als Mitarbeiter des IT-Unternehmens erkennbar. Sie halten kleine Kärtchen in der Hand und schreien Namen in den Raum.

Gerichtet sind die Rufe an eine Traube von Menschen in dunklen Business-Anzügen, die vor der Tischreihe stehen. Aus der vorwiegend männliche Meute recken immer wieder Köpfe hervor, Arme gehen nach oben, Hände winken. „Ja, hier. Das bin ich. Das ist mein Name.“ Die Männer, die ihren Namen hören, drängeln sich durch die Menge. Schieben die anderen Wartenden zur Seite. Quetschen sich durch kleine Lücken, die sich zwischen den Business-Körpern auftun. „Verzeihung. Lassen Sie mich mal durch. Darf ich mal?“ Ich schaue mir das Treiben an und frage mich, ob ich hier richtig bin. In einer Viertelstunde beginnt die Keynote der Konferenz, über die ich berichten soll. „Das ist ja hier wie auf dem Hamburger Fischmarkt“, sagt einer im grauen Sakko hinter mir.

Self-Service lautet die Erklärung. In der Mitte der Halle stehen mehrere Computer-Terminals. Vor jedem eine kleine Reihe von wartenden Menschen. Auf dem Computer können die Teilnehmer der Veranstaltung ihren Namen eintragen. Am Fischmarktstand erhalten sie dann ihre Badge, mit der sie Zutritt zur Konferenz haben. Der Eintrag am Computer dauert eine Minute. Das Warten in der Menschentraube gefühlte 30. Die Keynote beginnt in zehn.

Mein Name wird nicht im System gefunden. Liegt wahrscheinlich daran, dass die Pressevertreter gesondert aufgeführt werden. Ich versuche es noch einmal. Ohne Erfolg. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mit einem der jungen Leute zu sprechen, welche die Namen durch die Gegend schreien. Einen getrennten Pressebereich auf dem Fischmarkt gibt es aber nicht. Ich muss mich also durch die wartende Menschenmenge arbeiten. Bis zum Start der Keynote sind es noch fünf Minuten.

„Verzeihung. Lassen Sie mich mal durch. Darf ich mal?“ Ich versuche, mich an Männern vorbei zu schieben, die keinen Zentimeter Boden preisgeben wollen. Schließlich könnte ihr Name als nächstes fallen. Breitbeinig stehen sie da, die Ellbogen nach außen gestellt. Ich erwische eine Lücke, die sich zwischen einem dunkelblauen und einem beigen Anzug auftut. Ich schlüpfe hindurch. Komme bis auf zwei Meter an den Tresen heran. Dann drängelt sich ein Anzug im XXL-Format von rechts vor mich. Ich weiche nach links aus. Noch zwei Minuten bis zur Keynote.

Dann kommt Bewegung in die Gruppe, die direkt vor mir steht. Ein brauner Nadelstreifenanzug hat seine Badge ergattert und drängt nach draußen. Raus aus der Menge. Ich nutze das Fahrwasser, das sich hinter ihm bildet, und sprinte in die entgegen gesetzte Richtung zum Tresen. Die Meute schiebt von hinten nach.

Doch die jungen Leute in ihren Firmen-T-Shirts nehmen mich nicht wahr. Sie halten Badges in die Höhe, rufen die Namen, die auf diese gedruckt sind und lassen ihre Augen über die Menschentraube wandern, auf der Suche nach dem passenden Anzug dazu. Die Keynote hat begonnen.

„Entschuldigung. Verzeihung. Ich bin von der Presse. Mein Name ist nicht im Computersystem. Hallo?“ Ich versuche, die Blicke der T-Shirt-Jungs und -Mädels zu erwischen. Winke mit den Händen vor ihren Augen. Wedele mit meinem Presseausweis. Immerhin: Langsam nimmt der Druck ab, den die Leute hinter mir auf mich ausüben. Ich fühle mich nicht mehr ganz so eingekeilt zwischen ihnen und dem Fischmarktstand. Die Menschentraube wird kleiner. Laut Agenda spricht der Keynote-Redner jetzt seit fünf Minuten.

Da nun der Drucker hinter dem Tresen nicht mehr ganz so viele Badges ausspuckt wie bisher, findet eines der T-Shirt-Mädchen Zeit, sich mir zu widmen. „Ah, Presse. Ja, die haben wir extra. Warten Sie mal.“ Sie kramt in einem Pappkarton. Schaut sich um. Durchwühlt eine weitere Kiste. Fragt eine Kollegin. Schließlich kommt sie mit einer Badge zurück. Ich reiße sie ihr aus der Hand, schaue drauf und sehe meinen Namen in Druckbuchstaben. Jetzt umdrehen und raus aus der Menge. Schieben, quetschen, dünn machen.

Zur Keynote komme ich eine Viertelstunde zu spät. Das Labyrinth an Treppenaufgängen im Kongresszentrum hat mich weitere Minuten gekostet. Verpasst habe ich wahrscheinlich nicht allzu viel. Die Themen in solchen Vorträgen ähneln sich ja doch meist sehr. Um verbesserte Kommunikation und Prozessbeschleunigung ging es, schätze ich mal.

Bild: Michal Jarmoluk auf Pixabay

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