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Alle Ambitionen in Deutschland und Europa in Sachen sauberer Energie sind sinnlos, weil der Rest der Welt nicht mitzieht – dieses ist eine oft gehörte Aussage in hiesigen Nachhaltigkeitsdebatten. Aber wie viel ist dran an diesem Argument?
Zunächst mal: Dass es Handlungsbedarf gibt, sehen auch die Bürger anderer Länder. Darauf lässt eine Studie des Marktforschungsunternehmens Ipsos schließen, die im Auftrag der Initiative Earth4All und der GlobalCommons Alliance durchgeführt wurde. In Mexiko etwa sind 91 Prozent der befragten Menschen der Meinung, dass sofort – innerhalb eines Jahrzehnts – Maßnahmen für weniger Kohlendioxidemissionen nötig seien. Auch in Kenia (86 Prozent), Südafrika (83Prozent) und Brasilien (81 Prozent) sieht ein hoher Anteil der Bevölkerung sofortigen Handlungsbedarf. Im Vergleich dazu sind es in Deutschland übrigens recht wenige Menschen, die diese Ansicht vertreten – nämlich nur 66 Prozent. Befragt wurden für die Studie insgesamt 22.000 Menschen zwischen 18 und 75 Jahren in 18 der G20-Staaten.
China setzt auf Photovoltaik
Das sind die Wünsche der Bevölkerung. Doch was passiert tatsächlich in anderen Ländern? Vor allem in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt – nämlich den USA und China, die ja neben Europa die größten Verursacher des Klimawandel sind? Allein im Jahr 2022 hat China 546 Milliarden US-Dollar in Technologien wie Windenergie, E-Autos und Batterien gesteckt. Bei der Nutzung von Photovoltaik ist das Land global die Nummer 1. Im Jahr 2023 lag die installierte Gesamtleistung dort bei 656 Gigawatt. An zweiter Stelle folgen die USA mit 173,2 Gigawatt. Dritter ist Japan (90,4 Gigawatt). Deutschland liegt in diesem Ranking mit 83 Gigawatt auf Platz fünf.
Und der Trend zeigt in China nach oben. Im vergangenen Jahr kamen 253 Gigawatt an Photovoltaik-Leistung hinzu. Auch in dieser Wertung ist die Volksrepublik weltweit führend. Die USA sind hier ebenfalls zweiter (32,4 Gigawatt). Brasilien nimmt mit einem Zubau von 15,4 Gigawatt den dritten Platz ein. Deutschland kommt auf Platz vier (15 Gigawatt). Diese Zahlen meldete vor kurzem der Bundesverband Solarwirtschaft auf einer Pressekonferenz während der Messe Intersolar.
China sei dabei, die Europäische Union bei sauberen Energien zu überholen, sagt Karlheinz Zuerl, CEO des Unternehmens German Technology & Engineering Corporation (GTEC), das Unternehmen bei Geschäften in Asien berät. Grund für diese Einschätzung ist eine Studie des European Parliamentary Research Service (EPRS) mit dem Titel „EU-China: European expert consultation on future relations with China“. Laut dieser Studie ist China bei Veröffentlichungen auf den Gebieten Solar- und Windenergie, Lithiumbatterien, Wärmepumpen und Kohlenstoffabscheidungstechnologien führend gegenüber der Europäischen Union. „Das sind durchweg Schlüsselelemente der Energiewende“, so Zuerl.
Europa fällt zurück
Europa positioniere sich zwar gerne als globaler Vorreiter beim Klimaschutz. Doch das entspreche nicht mehr der Realität. „Noch vor zehn Jahren lag die EU-Forschung bei sauberen Energietechnologien an der Spitze, heute ist es China.“ Zuerl glaubt, dass der Forschungsvorsprung dem asiatischen Land in den kommenden Jahren massive Wettbewerbsvorteile bei grünen Technologien bringen werde. „Auf dem Automobilsektor erleben wir heute schon, wie die chinesischen Hersteller mit E-Autos vehement in die EU vordringen. Diese Entwicklung wird zügig auf andere Industriezweige übergreifen.“
Er verbindet seine Einschätzung allerdings auch mit Kritik an dem schnellen Ausstieg aus fossiler Energie in Europa. „Peking lässt sich deutlich mehr Zeit beim Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und nutzt diese Jahre, um sich mit Forschung und Entwicklung auf das Zeitalter der erneuerbaren Energien vorzubereiten“, so Zuerl. „Die EU-Strategie, aus fossilen Brennstoffen auszusteigen, bevor die Voraussetzungen für eine grüne Energiewirtschaft geschaffen sind, stößt in China auf Unverständnis.“
USA verzehnfachen Investionen
Auch beim globale Gegenpart Chinas wächst die Bedeutung klimafreundlicher Technik. Durch den Inflation Reduction Act (IRA) von Joe Biden sind in den USA die Investitionen in entsprechende Bereiche massiv angestiegen. Das Gesetz zielt unter anderem darauf ab, die Inflation zu bekämpfen, indem es Investitionen in saubere Energie und Klimaschutz fördert. Laut Zahlen des Forschungsprojekts Clean Investment Monitor hat der IRA zum Beispiel dazu geführt, dass 53 Milliarden Dollar in den Bau von Batteriespeichern zur Stabilisierung des Stromnetzes geflossen sind. Investitionen in neue Klimatechnologien hätten sich sogar verzehnfacht – auf insgesamt 9,1 Milliarden Dollar. Dazu gehören etwa nachhaltige Flugkraftstoffe und Wasserstofftechnologie.
Freilich starten die USA auf einem relativ niedrigen Niveau, wenn es um die Nutzung grüner Technologien geht. So wurden zum Beispiel 2023 nur rund ein Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt. In Deutschland sind es mittlerweile fast 60 Prozent. Aber: Die Entwicklung zeigt, dass auch in anderen Ländern etwa passiert im Kampf gegen den Klimawandel. Als einsamer Klimapionier jedenfalls kann sich weder Deutschland noch Europa sehen.
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