Bild: geralt/Pixabay
Wer gebrauchte Produkte wiederverwenden oder recyceln will, braucht die dafür nötigen Informationen. Will heißen: Die Kreislaufwirtschaft benötigt Daten. Die Digitalisierung ist das Fundament der Circular Economy. Ein wichtiges Element dieses Fundaments soll künftig der digitale Produktpass (DPP) sein, wie er in der Ökodesign-Verordnung der EU gefordert ist. Er enthält alle relevanten Informationen zu einem Produkt. Diese umfassen Daten zur Wiederverwendbarkeit, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und zu Umweltauswirkungen – wie beispielsweise die verwendeten Materialien und den Energieverbrauch.
Aktuell existieren diese Informationen oft isoliert in den Datenbanken einzelner Unternehmen. Der DPP soll diese Daten zusammenführen und dynamische Informationen hinzufügen, die sich im Laufe des Produktlebenszyklus ändern. Das kann zum Beispiel die Anzahl der Ladezyklen einer Batterie sein. Der Pass begleitet das Produkt also über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg. Er stellt ein digitales Abbild des physischen Produkts dar, vergleichbar mit einem digitalen Zwilling. Dieses Konzept soll in verschiedenen Branchen Anwendung finden – unter anderem in der Automobil- und Textilindustrie. Die erste konkrete Version des DPP wird der Batteriepass sein, der 2027 europaweit gelten soll.
CO2-Reduzierung um 123 Millionen Tonnen
Der DPP soll Prozesse der Kreislaufwirtschaft effizienter gestalten und Entscheidungen erleichtern. Verbraucher wissen dank DPP, ob sie ein defektes oder nicht mehr benötigtes Produkt recyceln oder zurück zum Hersteller senden sollen. Recycling-Anlagen könnten ihre Prozesse optimieren, da sie mehr Informationen über die verwendeten Materialien erhalten. Laut EU-Kommission könnte die bessere Datenverfügbarkeit bis 2035 allein in der Automobilindustrie zu einer Reduzierung der jährlichen CO2-Emissionen um 123 Millionen Tonnen und einer besseren Verwertung von 54 Millionen Tonnen Materialien führen.
Das allein sollte schon Grund genug sein, das System einzuführen. Doch der DPP könnte der Wirtschaft noch mehr Nutzen bringen. Detaillierte Produktinformationen ermöglichen zielgerichtete, kundenorientierte Angebote und fördern neue Geschäftsmodelle in der Kreislaufwirtschaft. Datenverfügbarkeit und Transparenz entlang der Lieferkette tragen zu Effizienzsteigerungen, Kosteneinsparungen und optimierten Produktionsprozessen bei. Das Beratungsunternehmen Capgemini prognostiziert für die Automobilindustrie bis 2035 einen Nettogewinn von geschätzten 1,8 Milliarden Euro durch den Einsatz des DPP.
Ein Ökosystem für den DPP
Doch gerade für kleine Unternehmen könnte der DPP eine Herausforderung sein. Sie müssen die Informationen in der erforderlichen Qualität bereit stellen, und dafür Sorge zu tragen, dass auch die dynamischen Daten ihren Weg in den Produktpass finden. Das ist eine komplexe Angelegenheit. „Daher ist eine Vision der europäischen Kommission, dass sich rund um den DPP eine Art Ökosystem aus Dienstleistern bildet, die Unternehmen bei der Erfüllung der Anforderungen unterstützen – zum Beispiel als Betreiber eines „DPP as a service“, sagt Marvin Böll, der sich als Projektmanager beim VDE mit dem DPP beschäftigt. Dass regulatorische Vorgaben zu einem solchen Ökosystem führen können, zeigt das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Im Zuge dieses Gesetzes sind bereits eine Reihe von Startups entstanden, die Unternehmen Lösungen anbieten, um die erforderlichen Daten zusammenzutragen. So könnte der DPP nicht nur die nötigen Informationen für die Kreislaufwirtschaft bereit stellen, sondern vielleicht auch für ein paar Neugründungen sorgen.
Dieser Text ist die Zusammenfassung eines deutlich ausführlicheren Artikels, der im VDE dialog erschienen ist.
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