„Die Branche muss sich ändern“

Bild: Befive

Wie werden Gebäude im Jahr 2030 entstehen? Wie beeinflussen aktuelle Technologietrends das Bauen der Zukunft? Mit solchen und weiteren Fragen beschäftigt sich Befive – eine Innovations- und Digitalisierungsplattform. Geschäftsführer Manuel Götzendörfer erklärt die Befive-Vision, wie Roboter beim Fachkräftemangel helfen können und welche Hürden der Digitalisierung im Weg stehen.

Herr Götzendörfer, was genau ist Befive?

Manuel Götzendörfer: Befive ist ein Innovation Hub. Der Ansatz ist, entlang der Wertschöpfungskette verschiedene Unternehmen zusammenzubringen, die gemeinsam daran arbeiten, diese Branche nach vorne zu bringen. Wir sprechen dabei nicht nur vom Bau. Uns interessiert auch der Betrieb der Bauwerke. Denn wir müssen den gesamten Lifecycle betrachten.

Das Spektrum der involvierten Unternehmen ist breit – von der Baufirma über Baustoffanbieter und Maschinenbauer bis zum Beratungshaus. Ergebnis ist eine gemeinsame Vision, wie Gebäude im Jahr 2030 entstehen und betrieben werden.

Götzendörfer: Richtig. Es war uns sehr wichtig, in das Visionsbild verschiedene Perspektiven einzubringen. Wir haben uns dann eine Vielzahl von Zukunftstrends angeschaut. Insgesamt haben wir über 80 so genannte Zukunfts-Items gemeinsam bewertet und uns die Frage gestellt: Was ist deren jeweiliger Impact auf die Branche, auf die Wertschöpfungskette? Diese Items haben wir in Szenarien einfließen lassen. Aus diesen wiederum haben wir eine gemeinsame Vision entwickelt.

„Es lässt sich ein großer Teil der Verschwendung auf der Baustelle beseitigen“

Teil dieser Vision ist, dass die Arbeit auf der Baustelle künftig zunehmend automatisiert wird.

Götzendörfer: Vor kurzem hat unser Partnerunternehmen Hilti einen Roboter für die Baustelle vorgestellt, der Überkopf-Bohrungen ausführt. Gesteuert wird er über einen digitalen Plan. Es gibt also jetzt schon erste Lösungen, die bestimmte Aufgaben übernehmen, die nicht weiter von Menschen ausgeführt werden sollten. Sehr wichtig wird dabei das ganze Thema Akzeptanz sein. Technologisch ist viel möglich. Aber am Ende des Tages muss man Wege finden, dass die Menschen, die das betrifft, auch einen Nutzen daraus ziehen.

Welcher Nutzen wäre das?

Götzendörfer: Es kommt bei diesem Thema schnell der Ruf auf, dass Arbeitsplätze verloren gehen. In der Realität sieht es aber so aus, dass wir ein riesiges Fachkräfteproblem haben. Die Frage ist, wie wir die Fachkräfte, die wir noch haben, möglichst zielgerichtet einsetzen können – und die Aufgaben, die wir besser über Maschinen abgebildet bekommen, auch von diesen erledigen lassen. Anders werden wir dem Thema Fachkräftemangel vermutlich nie Herr werden. Die generelle Industrialisierung der Baubranche hat aber noch weitere Vorteile.

Welche sind das?

Götzendörfer: Damit lässt sich ein großer Teil der Verschwendung beseitigen, den es heute noch auf der Baustelle gibt. Denn diese resultiert aus ineffizienten Prozessen durch zum Teil schlechte baubegleitende Planung. Wichtig ist dabei auch, zu einer Pre-Fabriction zu gelangen – also zu einer Vorfertigung, bei der Montagen bereits vorab und nicht erst auf der Baustelle durchgeführt werden.

Welchen Nutzen hat das?

Götzendörfer: Man zieht die eigentliche Bauaufgabe von der Baustelle weg. Dadurch ist man unabhängig von den Außenbedingungen wie etwa dem Wetter. Zudem lässt sich die Qualität in einer geschützten Umgebung deutlich besser kontrollieren. So können die Produkte effizienter hergestellt werden, was auch einen Preisvorteil mit sich bringt. Über solche Ansätze können wir dann bezahlbaren Wohnraum adressieren. Das betrifft nicht nur den Neubau. Es gibt Beispiele in den Niederlanden, wo es heute schon gelingt, ein Reihenhaus innerhalb von zwei Tagen komplett energetisch zu sanieren, weil man einen hohen Vorfertigungsgrad hat.

„Die Zukunft wird sehr viel datengetriebener sein“

Welche Rolle spielt 3D-Druck in diesem Zusammenhang?

Götzendörfer: 3D-Druck wird definitiv eine Rolle spielen. Aber die Technologie wird nicht grundsätzlich das Thema Vorfertigung mit Beton im Werk ersetzen. Denn aus Zeit- und Kostengründen wird es immer einfacher sein, in Masse Betonscheiben herzustellen als mit einem Drucker einzelne Elemente zu drucken. Der 3D-Druck hat dann eine Relevanz, wenn wir über kleine Stückzahlen sprechen. Wenn es darum geht, einen Individualisierungsgrad zu erreichen. Mit dem 3D-Drucker lassen sich außerdem Konstruktionen realisieren, die mit anderen Verfahren nicht möglich sind.

Die Grundlage für den 3D-Druck sind Daten. Auch an anderen Stellen der Befive-Vision spielen Daten eine wichtige Rolle. Die Digitalisierung ist dort ein zentrales Element.

Götzendörfer: Die Zukunft wird sehr viel datengetriebener sein. Es geht darum, den Prozess von Anfang an so abzubilden, dass alle, die daran beteiligt sind, auch die Informationen zur Verfügung gestellt bekommen, die sie brauchen. Das muss durch Datenstandards und einheitliche Zugriffsrechte sichergestellt sein. Das führt dann dazu, dass künftig alle schon deutlich früher gemeinsam an einem Tisch sitzen. Alle ziehen an einem Strang. Das ist heute noch nicht so. Das Thema Digitalisierung hat zwar in den vergangenen Jahren in unserer Branche massiv an Fahrt aufgenommen. Aber das volle Potenzial wird noch nicht ausgeschöpft.

Wie läuft es bisher?

Götzendörfer: Wir haben zunächst die Planer, die sich nur um Optimierungen aus der eigenen Perspektive kümmern. Dann kommen die einzelnen bausausführenden Unternehmen, die im schlimmsten Fall jeweils nur auf ihr Gewerk schauen. Keiner hat ein Interesse daran, dass am Ende des Tages ein hoch qualitatives Werk übergeben wird, von dem alle profitieren, die daran beteiligt sind. Der gemeinsame Datenansatz kann ein Weg dahin sein.

„Die Baubranche ist mit einem blauen Auge davon gekommen“

Welche Hürden stehen auf diesem Weg?

Götzendörfer: Es gibt viele Datensilos. Angefangen bei den Leuten in der Planung bis zu den ausführenden Unternehmen. Jeder sitzt auf seinen Informationen und gibt diese nicht weiter. Der Betreiber kämpft dann damit, an die für ihn relevanten Daten heranzukommen. Es wird ein sehr großes Thema werden, diese Silos aufzulösen und den Datenaustausch über die Wertschöpfungskette hinweg zu ermöglichen. Dafür brauchen wir die gemeinsamen Schnittstellen und Zugriffsrechte. Das ist ein riesiges Problem.

Wie groß ist eigentlich der Druck zu digitalisieren? Der Baubranche geht es aktuell gut. Sie hat auch Corona bisher deutlich besser überstanden als andere Branchen.

Götzendörfer: Die Baubranche ist bisher offensichtlich mit einem blauen Auge davongekommen. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Branche immer etwas zeitversetzt auf solche Dinge reagiert. Neubauprojekte werden zum Teil zurückgehalten. 2020 haben alle davon profitiert, dass die Auftragsbücher voll waren. Für 2021 gehen wir davon aus, dass eine gewisse Abkühlung eintreten wird. Corona hat aber dazu beigetragen, dass digitale Themen bei vielen Unternehmen noch höher auf die Agenda gerutscht sind als das vorher der Fall war.

Warum?

Götzendörfer: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Lieferscheine auf der Baustelle. In der Regel läuft es so, dass ein Fahrer Materialien anliefert, dann sucht er einen Verantwortlichen auf der Baustelle und der unterschreibt schließlich ein Papier. Das ist alles nicht sehr digital. Corona hat nun dafür gesorgt, dass man innerhalb von Wochen solche Prozesse digital abbildet hat, um Kontakte zu vermeiden.

Wie schwierig wird es sein, die Befive-Vision in einer Branche wie der Bauindustrie umzusetzen?

Götzendörfer: Es ist eine extrem fragmentierte Branche, geprägt von Klein- und Kleinstunternehmen. Aber es stellen sich spannende Fragen: Bleibt das auch in Zukunft so? Wie sieht es aus mit neuen Marktteilnehmern aus? Welche Rolle werden Technologieanbieter spielen wie zum Beispiel Google, Amazon oder Microsoft spielen? Ein Thema ist auch, wie es gelingen kann, regionale Unternehmen in solche Prozesse einzubinden. Durch Befive konnten die Unternehmen nun erstmals ihre bereits vorhandenen eigenen Visionen mit denen der anderen Firmen übereinander legen. Sie haben gesehen, wie diese zusammenpassen. Und sie haben erkannt, wie die Branche sich weiter entwickeln muss.

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